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Mysterien der Aufklärung. Zur politisch-philosophischen Bedeutung des Judentums bei Karl Leonhard Reinhold und Friedrich Schiller

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Mysterien der Aufklärung. Zur politisch-philosophischen Bedeutung des Judentums bei Karl Leonhard Reinhold und Friedrich Schiller
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  1 Mysterien der Aufklärung Zur politisch-philosophischen Bedeutung des Judentums bei Karl Leonhard Reinhold und Friedrich Schiller  Jörg Noller 1. Einleitung  Die Rezeption des Judentums bei Karl Leonhard Reinhold und Friedrich Schiller hat bislang nur wenig Beachtung aus philosophisch-theologischer Perspektive erfahren. 1  Dabei fällt auf, dass bei beiden Denkern nicht so sehr von „Judentum“ oder „Juden“, sondern vorwiegend von den „Hebräern“ die Rede ist, während sich dieses Wort etwa in Kants  Religionsschrift kein einziges Mal als Bezeichnung findet. 2  Der Grund dafür kann darin erblickt werden, dass Reinhold und Schiller einen dezidiert geschichtsphilosophischen Zugang wählen und die historischen Wurzeln des Judentums aufsuchen wollen. In der Tora bezeichnet das Wort „Hebräer“ die frühen Angehörigen der Israeliten. Im Ersten Buch Mose wird Abram als Hebräer „Iwri“ (  בע ) bezeichnet (Gen 14,13). Gegenüber dem Pharao stellt Mose dann Gott als „Gott der Hebräer“ vor (z.B. Ex. 3,18). Dieser sprachliche Befund legt nahe, dass Reinholds und Schillers Interesse vor allem die entscheidende Phase der politischen und religiösen Herausbildung des Judentums in seiner Abgrenzung von anderen Religionen und Völkern betrifft. Eine weitere Besonderheit und Gemeinsamkeit im Denken Reinholds und Schillers besteht darin, dass die Interpretation des Judentums nur vor ihrem jeweiligen spätaufklärerisch-politischem Interesse verständlich wird, welches nicht ohne weiteres in eine Kontinuität zur Philosophie des „deutschen Idealismus“ gestellt werden kann. Ich werde deshalb bei meiner Interpretation der Rezeption des Judentums durch Reinhold und Schiller verschiedene andere Schriften beider Denker im Umkreis ihrer aufklärerischen Bemühungen heranziehen und in diesem Werkkontext ihre philosophische Interpretation des Judentums verorten und analysieren. Das Judentum, so meine im Folgenden vertretene These, wird bei 1  Die neue Edition von Reinholds Schrift über  Die Hebräischen Mysterien oder die älteste religiöse Freymaurerey  (1788), hg. v. Jan Assmann, Neckargemünd 2 2006, liefert eine gute Textgrundlage und erschließt zugleich auch Schillers zwei Jahre später erschienene Abhandlung  Die Sendung Mose . 2  Kant verwendet in seinem religionsphilosophischen Werk nur ein einziges Mal das Adjektiv „hebräisch“, und zwar im Kontext der „hebräischen Sprache“ (  Religionsschrift  , AA VI, 167).  2 Reinhold und Schiller zum historischen Paradigma einer Philosophie der Aufklärung. Dieses Projekt einer aufklärerischen Stilisierung des Judentums enthält jedoch zugleich problematische Tendenzen, auf die ich am Ende des Beitrags eingehen werde. Eine zentrale Rolle bei der Interpretation des Judentums kommt der historischen Person Mose zu. Nicht erst Sigmund Freud hatte ein Interesse für Moses vor dem Hintergrund Ägyptens, als er in seinem Todesjahr 1939 im Londoner Exil die Schrift  Der Mann Moses und die monotheistische Religion  verfasste. 3  Bereits Reinhold und Schiller setzten sich intensiv mit dieser Frage des historischen Erbes des Judentums auseinander. Die Person Moses rückt vor allem deshalb ins Zentrum der Betrachtung, weil er, anders als Jesus oder Mohammed, im Alten Testament als ein zutiefst menschliches und dadurch auch fehlbares Wesen mit einem komplexen kulturellen Hintergrund beschrieben wird, was zusammengenommen gerade ein geschichtliches  Verständnis seiner Person und damit auch seines Volkes ermöglicht. Relevant werden zugleich aber auch die politischen, sozialen, philosophischen und religiösen Umstände, unter denen die historische Gestalt des Moses die hebräische Religion durch Gesetzgebung begründet hat. 2. Reinhold oder die Aufklärung des Mysteriums 2.1 Reinholds freimaurerischer Hintergrund  Für ein Verständnis von Reinholds Interpretation des Judentums ist die Kenntnis seines geistesgeschichtlichen Hintergrunds unabdingbar. Der ideengeschichtliche Kontext, innerhalb dessen bei Reinhold eine Thematisierung des Judentums stattfindet, ist derjenige des spätaufklärerischen Geheimbundes der Illuminaten. 4  Reinholds Schrift über  Die Hebräischen  Mysterien  trägt denn auch den bezeichnenden Nebentitel „oder die älteste religiöse Freimaurerei“ und war ursprünglich an seine „Brüder“ 5  der Loge adressiert. 1757 in Wien geboren, wurde Reinhold bereits 1783, im Alter von 26 Jahren, Mitglied im Illuminaten-Orden. 6  Die Ziele dieses elitären Geheimbundes bestanden in einer Intensivierung und Verbreitung des Aufklärungsgedankens und waren insofern gegen die Politik des 3  Freud schrieb dazu: „Einem Volkstum den Mann abzusprechen, den es als den größten unter seinen Söhnen rühmt, ist nichts, was man gern oder leichthin unternehmen wird, zumal wenn man selbst diesem Volke angehört.“ (Freud [1939], 103) 4  Vgl. zu diesem ideengeschichtlichen Hintergrund Reinholds und Schillers: Schings (1996) und Wübben (2003). 5  Reinhold (1788), S. 33. 6  Zum Verhältnis von Reinholds philosophischer Entwicklung und seinem Verhältnis zum Freimaurertum vgl. Fuchs (1994).  3 Absolutismus der damaligen Zeit gerichtet. 7  Die Tatsache der weltbürgerlichen überkonfessionellen Ausrichtung der Illuminaten ist auch wohl der Grund dafür, dass sich Reinhold der ägyptischen und hebräischen Religion überwiegend wohlwollend annimmt, ohne sie nur am Maßstab des Christentums ex post   zu bemessen und kritisieren, wie dies bei vielen seiner Zeitgenossen – bei Kant, Schelling und Hegel – der Fall war. Vielmehr rückt dadurch die Möglichkeit einer geschichtlichen Betrachtung der Genese und eigenständigen ideengeschichtlichen Bedeutung des Judentums in den Blick. Warum sind nun aber gerade Mysterien – seien es ägyptische oder hebräische – für die freimaurerische Elite der Aufklärer, die den bezeichnenden Titel „Illuminaten“ trugen, so wichtig? 8  Zentral für das Verständnis dieser Paradoxie 9  ist eine dialektische  Konzeption von Aufklärung. Reinhold schreibt in seinem im Jahr 1784 im „Teutschen Merkur“ veröffentlichten Aufsatz, der den Titel „Gedanken über Aufklärung“ trägt, folgende bedenkenswerte Worte: „Die Natur hat es zum Besten der Menschheit also veranstaltet, daß sich das Reich der Dummheit selbst zerstören, und der Verfinsterer der menschlichen Vernunft endlich wider seinen Willen Beförderer der Aufklärung seyn muß.“ 10  Reinhold entwickelt also einen Begriff der Aufklärung, die nicht dem Gegenteil der Vernunft – der Natur, der Dunkelheit und den Mysterien – unversöhnlich entgegengesetzt ist, sondern diese auf Basis einer komplexen Anthropologie als prinzipiell vermittelbare Momente anerkennt. Der scheinbare Widerspruch zwischen Offenbarung und Aufklärung, Mysterium und Vernunft kann, so Reinholds aufklärerischer Grundgedanke, gerade dadurch aufgelöst werden, dass beide in ein genetisches geschichtliches  und  politisches  Verhältnis gebracht werden. 7  Vgl. zur Programmatik der Illuminaten van Dülmen (1973), 801 f. 8  Vgl. Fuchs (1994), 7: „Die Intentionen, die den philosophischen Bemühungen Reinholds zugrunde lagen, können nicht von seinem masonisehen Engagement getrennt werden. Anliegen der Freimaurer und der Illuminaten sind es, die er auf eine ihm adäquat erscheinende philosophische Basis zu stellen suchte und nach denen er seine Aktivitäten ausrichtete. Im Mittelpunkt seines Wirkens stand die ethische Gestaltung der Gesellschaftspraxis.“ 9  Zöller (2012) spricht in diesem Zusammenhang von einer „heimlich-unheimliche[n] Nähe der Aufklärung zum Geheimnis“, einem „doppelte[n] Gesicht der Aufklärung, das der Dunkelheit ebenso zugewandt ist“ einer „irritierende[n] Faszination der Aufklärung für den Obskurantismus“ (63) sowie einer „Komplizität der Aufklärung mit ihrem geraden Gegenteil“ (64). 10  Karl Leonhard Reinhold, Gedanken über Aufklärung , in:  Der Teutsche Merkur  , Juli (1784), 3-22 u. 122-133, ebd., September (1784), 232-245, 245.  4 2.2 Reinholds Begriff der Aufklärung Vor diesem aufklärerischen Hintergrund erschließt sich Reinholds Interesse für die Mysterien. „  Aegypten “, so Reinhold in seiner 1788 veröffentlichten Schrift über  Die Hebräischen  Mysterien oder die älteste religiöse Freymaurerey , war   „die Schule der Gesetzgeber  “ und „war auch bekanntermaßen das Vaterland der Mysterien “ 11 . So war denn auch nach Reinhold „bey den aus Aegypten gekommenen  Hebräern [...] alles ägyptisch , von den goldenen und silbernen Geschirren , die sie heimlich mit auf den Weg nahmen — bis zur Weisheit ihres   Führers und Gesetzgebers “ 12  und der hebräische Gottesdienst „in seinen wesentlichen    Bestandteilen eine getreue Kopie der geheimen Religion der     Aegyptier  “ 13 . Während sich nach Reinhold inhaltlich die hebräische religiöse Kultur nicht von derjenigen der ägyptischen geheimen Mysterien unterschied, so bestand jedoch der entscheidende Unterschied darin, dass bei den Hebräern  prinzipiell  das ganze Volk in diese Mysterien eingeweiht war. Diese Mysterien wurden, ehemals esoterisch, nun zur „ öffentlichen Grundlehre der hebräischen Religion“ 14 . Eine besondere Bedeutung bei dieser ‚Demokratisierung‘ der esoterischen ägyptischen Mysterien kommt der Person Moses zu – nach der Tora „stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose“ (5. Mose, 34,7)): „Die Israeliten hatten ihre Erkenntnis eines einzigen Gottes  keinesweges auf dem gewöhnlichen Wege der Entwickelung   ihrer Geisteskräfte und durch den Fortschritt ihrer Kenntnisse erlangt; sie hatten dieselbe dem  Moses allein zu danken.“ 15  Moses hatte die ägyptischen Mysterien, so Reinhold weiter, „nicht nur zur Grundlage,  sondern auch zur öffentlichen Grundlehre der hebräischen Religion gemacht“ 16 . Aus dieser engen Verwobenheit von mystischer Rezeption und politischer Gesetzgebung leitet Reinhold die provokative These ab, „daß die bisherige Entgegensetzung der Vernunft und der Offenbarung  auf einem bloßen Wortstreite beruhte“ 17 . Denn die Offenbarung besteht nach Reinhold gerade in der Gesetzgebung Mose, die wiederum aus rationalen, man könnte fast sagen, aufklärerischen Gründen, an das gesamte Volk Israel erging (vgl. auch 2. Mose 34/35). Reinhold spricht mit Blick auf die ‚Demokratisierung‘ der ägyptischen monotheistischen Mysterien denn auch von einer „Nothwendigkeit von 11  Reinhold (1788), 68. 12  Reinhold (1788), 30. 13  Reinhold (1788), 32. 14  Reinhold (1788), 32. 15  Reinhold (1788), 36. 16  Reinhold (1788), 32. 17  Reinhold (1788), 56.  5 politischtheologischen Geheimnissen“ 18  und einer „politischen Unentbehrlichkeit des blinden Glaubens“ 19 . Aufklärung und Mysterium schließen sich nicht aus; im Gegenteil: Aufklärung entsteht erst durch Aufklärung der  Dunkelheit  . Diese auf den ersten Blick nicht unproblematische These wird vor dem Hintergrund anderer Schriften Reinholds weiter verständlich. In seiner Schrift Gedanken über Aufklärung aus dem Jahre 1784 hatte Reinhold die Vernunft nicht, wie zuvor Kant, der Natur und Sinnlichkeit entgegengesetzt, sondern aus dieser heraus entwickelt: Der Mensch bringt eine in seiner physischen Anlage gegründete Möglichkeit einst vernünftig zu werden mit sich auf die Welt. Dies ist seine Vernunftsfähigkeit im weitesten Verstande. Jeder sinnliche Eindruck, jede angenehme und schmerzhafte Empfindung, und überhaupt alles was in der Seele eine Idee hervorbringt, sie mit dem Stoffe der Vernunft versieht, ihre Anlage der Entwicklung näher bringt, gehört zur Aufklärung im weitesten Sinne. 20  Aufklärung besteht nach Reinhold deshalb darin, „aus vernunftfähigen vernünftige Menschen zu machen“ 21 ; ja, „[a]lle Begriffe welche in der menschlichen Vorstellungsart Deutlichkeit zulassen sind Gegenstände der Vernunft, und folglich auch der Aufklärung.“ 22  Vor diesem dynamischen Verständnis von Aufklärung wird ersichtlich, dass die ägyptischen Mysterien und die Hieroglyphen, aufgrund ihrer symbolischen Reichhaltigkeit, der Vernunft und Aufklärung nach Reinhold gerade nicht entgegengesetzt sind. Bei den Hebräern findet sich nach Reinhold vielmehr eine besonders enge Verwobenheit der Mysterien und der Politik: „Das  Heiligthum der mosaischen Religion war zugleich das Kabinett    des Staats, aus welchem die  Regierung nach den Absichten des Priesterthums geführt und der Volksglauben nach den Absichten der  Regenten gelenkt werden musste.  Religion und Politik   hatten hier nur einerley Geheimnisse, und folglich auch einen gemeinschaftlichen Schlüssel “ 23 . Es ist nach Reinhold deshalb angebracht, „die  Hebräer   eine  Nation von Eingeweihten  zu nennen“ 24 , ja Reinhold stellt die These auf, „daß die  Hebräer   [...] 18  Reinhold (1788), 67. 19  Reinhold (1788), 87. 20  Reinhold (1784), 123. 21  Reinhold (1784), 123. 22  Reinhold (1784), 124. 23  Reinhold (1788), 87. 24  Reinhold (1788), 56.
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