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Zur Bauornamentik des Kapitolstempels in Köln, Kölner Jahrbuch 45, 2012, 549-568.

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Zur Bauornamentik des Kapitolstempels in Köln, Kölner Jahrbuch 45, 2012, 549-568.
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  Im Jahre 50 n. Chr. wurde die Colonia Claudia Ara  Agrippinensium   (CCAA) von Kaiser Claudius auf  Wunsch seiner Gemahlin Agrippina gegründet (Ta-citus, ann. 12, 27, 1) 1 . Mit diesem Deduktionsdatum sind in der Forschung vor allem die Großbauten des römischen Köln, die Stadtmauer und das Kapitol, ver-bunden worden 2 . Für die beiden Bauvorhaben wurde eine Entstehungszeit im dritten Viertel des 1. Jahr-hunderts angenommen. Eine erneute Sichtung der Bauornamentik des Iuppitertempels führt hingegen zu einer etwas späteren Datierung an das Ende des 1. Jahrhunderts. Die stilistische Datierung in spätflavi-sche Zeit soll hier anhand der überlieferten baulichen Zusammenhänge überprüft werden. Erst im Rahmen der zeitlichen Bauorganisation erschließen sich Aus-sagen über die Fortschrittlichkeit oder gegebenenfalls Rückständigkeit provinzialer Ornamentik. Ein monumentaler Podiumstempel für Iup-piter, Iuno und MinervaDer Tempel der kapitolischen Trias liegt unter der mittelalterlichen Kirche St. Maria im Kapitol nahe der Südostecke der CCAA (Abb. 1). Die exzentrische Lage im ummauerten Stadtgebiet erklärt sich aus der Gelän-detopographie (Abb. 2). Der Tempel erhob sich auf einem leichten Geländevorsprung an der den Rhein begleitenden Niederterrassenkante. Reisende, die auf dem Rhein flussabwärts fuhren oder sich auf dem Landweg von Süden näherten, erblickten auf dem Stadtplateau den aus seinem Umfeld herausgehobe-nen Großbau. Es handelt sich um einen nach Osten gewendeten Podiumstempel mit dreigeteilter Cella,  Vorhalle und Freitreppe (Abb. 3). Der Unterbau be-steht aus Streifenfundamenten, die eine rechteckige Fläche von 29, 5 m auf 32, 5 m einfassen (100 x 110 römische Fuß) und ca. 4, 50 m tief gegründet sind. An der Ostseite dieses mächtigen Fundamentes schließt ein quergelagerter, höher fundamentierter Mauerblock  von 8 m auf 29, 5 m Seitenlänge an 3 . Wie die Maße der Fundamente zeigen, war der Kapitolstempel der weit-aus größte Bau in der antiken Stadt. Mit seiner breiten Eingangsfront reiht sich der Tempel in die Gruppe der größeren Capitolia der römischen Kaiserzeit ein 4 . Die überzeugende Rekonstruktion des Bauhistori-kers B. Irmler basiert zum einen auf den unterschied-lichen Fundamentbreiten des Streifenfundamentes und zum anderen auf den Baugliedern der aufgehen-den Architektur (Abb. 4) 5 . Die äußere Cellamauer war demzufolge durch Pilaster gegliedert und die Vorhalle  von korinthischen Säulen umgeben. Acht Säulen be-fanden sich in der Front und je drei an den Seiten. Die erschlossene Höhe der Säulen betrug einschließlich Basis und Kapitell annährend 15 Meter. Der gepflas-terte Tempelhof wurde von einer Umfassungsmauer begrenzt, die an den Innenseiten mit Vorsprüngen und Nischen ausgestattet war 6 . Innerhalb des Stadtare-als nahm der zur Rheinseite ausgerichtete Sakralbezirk eine Bauinsel von 97 m x 69 m ein. Kölner Jahrbuch 45, 2012, S. 549–568 1  Für die Diskussion der Baubefunde unter St. Maria im Kapitol möchte ich H. Bernhardt, S. Helas, T. Höltken und E. Spiegel dan-ken. Die Fotokampagne im Oktober 2011 wurde von S. Walz und P. Kunz durchgeführt. B. Irmler stellte großzügig das Fotomaterial seiner Münchner Dissertation zur Verfügung. Das Kunststoffmo-dell des Iuppitertempels an der Fachhochschule Köln machte mir M. Eichhorn zugänglich. Für den Informationsaustausch zur Ver-breitung römischer Bauornamentik in den römischen Provinzen danke ich S. Freyberger. 2   N EU  1984, 337  –  338; H ORN  1987, 466; T RUNK   1991, 196–200 mit Bibliographie zum Kapitol; S CHALLES   1995, 397; E CK   2004, 174; G  ANS  2005, 211; S PIEGEL  2006, 17. 3   R   AHTGENS  1913, 21; N EU  1984, 331; I RMLER   2005, 58–64. 4   N EU  1984, 336; S CHALLES   1995, 413–415. 5   I RMLER   2005, 64  –  77; S CHÜTTE  2009, 21  –  22. 6   K  ÜHNEMANN /B INSFELD  1965/66, 46  –  48; N EU  1984, 336  –  338. 549 VON ALFRED SCHÄFER  ZUR BAUORNAMENTIK DES KAPITOLSTEMPELS IN KÖLN   Alfred Schäfer550Die Deutung des Tempelbezirks als Kapitol be-ruht auf mehreren Indizien, der dreigeteilten Cella, der herausragenden Größe des Podiumstempels, der topo-graphischen Lage auf einem Geländevorsprung und 1234 56789101112131415  Abb. 1. Karte Kölns mit dem Verlauf der römischen Stadtmauer und der Lage ausgewählter Kirchen; 1 St. Kunibert; 2 St. Ursula; 3 St. Gereon; 4 St. Andreas; 5 Dom; 6 St. Kolumba; 7 St. Heribert; 8 St. Michael; 9 St. Mauritius; 10 St. Maria im Kapitol; 11 St. Georg; 12 St. Nikolaus; 13 St. Pantaleon; 14 St. Paul; 15 St. Severin.  Zur Bauornamentik des Kapitolstempels in Köln551   Abb. 2. Südostecke der CCAA mit Forum und drei Sakralbezirken entlang der Rheinfront; Ausschnitt aus dem Schichtenatlas des Rö-misch-Germanischen Museums.   Alfred Schäfer552  Abb. 3. Lage des römischen Kapitolsbezirks und des Westbaus der frühmittelalterlichen Vorgängerkirche von St. Maria im Kapitol auf der Liegenschaftskarte der Stadt Köln. Kartengrundlage: Schichtenatlas des Römisch-Germanischen Museums und 3D-Laserscan der Fachhochschule Köln, Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege (J. Broser/S. Geiermann/J. Pilarska) im Keller der Pfarrkirche.  Zur Bauornamentik des Kapitolstempels in Köln553der mittelalterlichen Ortsbezeichnung der Marienkir-che „in capitolio“ 7 . Für sich alleine genommen reichen  weder bautypologische Kriterien noch der exponierte Standort für eine solche Identifikation aus 8 . Aber in  Verbindung mit dem mittelalterlichen Toponym ver- weist die Innengliederung des Tempels, die sich vom tuskanischen Dreizeller ableitet, auf die Orientierung am stadtrömischen Vorbild, dem kapitolinischen Iup-pitertempel 9 . Spätflavischer BaudekorEin Anhaltspunkt für die Bauzeit war zunächst die Überlegung, dass der Tempel bald nach der Erhe-bung der Stadt zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium   errichtet worden ist. Diese Annahme wurde dadurch gestützt, dass aus den Fundamentbereichen des Po-diumstempels flavische Keramik geborgen worden ist 10 . Aufgrund der soliden Bautechnik und der stilis-tischen Analyse der Kapitellfragmente wurde auf ein Baudatum im 3. Viertel des 1. Jahrhunderts n. Chr. geschlossen 11 . Eine Präzisierung der vorgeschlagenen Datierung erlaubt eine Auswertung der römischen Bauglieder, die noch heute im Vorgängerbau der Mari-enkirche als Spolien vermauert sind. Unmittelbar vor dem Nordturm von St. Maria im Kapitol und unterhalb der bestehenden Treppen-anlage schließt frühmittelalterliches Tuffsteinmauer- werk an (Abb. 3). 12  Es dient in sekundärer Funktion als Westwerkfundament des Gründungsbaus des 11.  Jahrhunderts. Die baulichen Zeugnisse gehen ur-sprünglich auf einen Vorgängerbau von St. Maria im Kapitol zurück, der möglicherweise in die Zeit des Kölner Erzbischofs Brun (953–965) zu datieren ist. Die unterste Fundamentlage besteht aus Kalksteinblök- ken des Iuppitertempels in Zweitverwendung (Abb. 5–7) 13 . Elf sauber geschnittene Quader ruhen auf der Fundamentstickung des römischen Hofplasters. Ober - und Unterlager der Kalksteinblöcke sind mit einem Flacheisen geglättet. Die seitlichen Stoßflächen sind mit einer Anathyrose versehen. Die im frühen Mit-telalter niedergelegte Cellawand des Kapitols bestand aus passgenau geschichteten Quadern ohne zusätzli-che Klammerung. Zu den Kalksteinblöcken gehört ein Dreifaszienarchitrav (Kat. 1), dessen Oberseite se-kundär abgearbeitet ist (Abb. 8). Die Faszien werden  von einem Perlstab mit rhombenförmigen Zwischen-gliedern und einem Perlstab ohne Zwischenglieder ge-trennt. In der Fundamentlage des frühmittelalterlichen  Westbaus ist ferner ein Konsolengesims aus Kalkstein (Abb. 9–10, Kat. 2) und ein Quader mit einem großen Eierstab (Abb. 11,   Kat. 3) verbaut. Im Abbruchschutt des Kirchenunterbaus ist ein Fragment eines korinthi-schen Kapitells aus Kalkstein entdeckt worden (Kat. 4, Abb. 12). Fundlage, Maße, Steinmaterial und Ein-heitlichkeit der handwerklichen Qualität belegen eine Zugehörigkeit der Bauglieder zum Haupttempel der CCAA. Für eine Datierung in das ausgehende 1. Jahr-hundert n. Chr. spricht die Ornamentik der Konsole, das dicke Volumen der Folia und des Perlstabs (Abb. 9–10). Die breiten Hüllblätter des Eierstabs unterstüt-zen diesen zeitlichen Ansatz (Abb. 11). Vergleichend zu den Folia können die fleischigen Ranken des 72/73 n. Chr. gebauten Capitoliums von Brescia genannt  werden 14 . Der voluminöse Eierstab und die herzför-migen Pfeilspitzen sind an den Konsolengesimsen des Cignognier-Heiligtums in Avenches belegt, das auf-grund dendrochronologischer Untersuchungen am Ende des 1. Jahrhunderts errichtet worden ist 15 . Das 7   R   AHTGENS  1913, 1  –  4, 25  –  29; T HOMAS . 1993, 266. 8   L  ACKNER   2008, 248–249. 9    T RUNK   1991, 200. 10   R   AHTGENS  1913, 17, 22; N EU  1984, 337  –  338. 11   K   ÄHLER   1939, 28; H ELLENKEMPER   1980, 24; T RUNK   1991, 200. 12  Fundbericht des Römisch-Germanischen Museums der Stadt Köln F.B. 58.05; M  ANN  1954/55, 109–111; K  ÜHNEMANN /B INSFELD  1965/66, 50 Taf. 21, 2 u. 21, 4; K  RINGS  1 984, 346; G  AUTHIER  / H ELLENKEMPER   2002, 65; K  NAPP  2009, 73; S CHÜTTE  2009, 25  –  26 (   vermutet eine noch frühere Bauphase in merowingischer Zeit) ; D IETMAR  /T RIER   2011, 229 f.; H IRSCHMANN  2 011, 189, 217. 13   R   AHTGENS  1913, 23 Abb. 19, 2; K  ÜHNEMANN /B INSFELD  1965/66, 50 Taf. 21, 2 u. 4; I RMLER   2005, 65, 68  –  72; S CHÜTTE  2009, 20. 14   S CHÖRNER   1995, 83  Taf  . 69. 15   B RIDEL  1982, 153–155, Taf. 30, 6; 35, 3–4; 41, 1–2; H ESBERG   2008, 169: wohl domitianisch.  Abb. 4. Kunststoffmodell des kapitolinischen Tempels der CCAA, im Auftrag der Köln International School of Design (KISD) der Fachhochschule Köln und des Römisch-Germanischen Museums 2009; Entwurf B. Irmler.
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